Ich wohne ja in einem Gebäude, bei dem sich die Briefkästen der Mieter im Hausflur befinden, der hinter einer verschlossenen Haustür liegt. Das ist für den Postzusteller recht unpraktisch, weil er ständig einen Schlüssel mitschleppen muss, um an die Briefkästen heranzukommen. Richtig unangenehm sind solche verschlossenen Hausflure aber für Verteilerleute von Flyern, Angebotszetteln und Gratiszeitungen - die haben nämlich keinen Schlüssel und kommen somit gar nicht an die Briefkästen heran. Doch Not macht erfinderisch - und deshalb füllen die Verteiler von Gratispapier ihre Gaben in Plastiktütchen und legen sie vor den Hauseingang ab. Dort liegen die bedruckten Papiere dann ein, zwei Tage in der Hoffnung, dass sie jemand mitnimmt. Meistens bin das dann ich, der die Plastiktüte schließlich nimmt und sie über der Altpapiertonne ausleert. So auch heute Abend, als ganze 3 Gratistütchen auf dem Trittstein oder daneben herumlagen. Sie waren bereits durchnässt und unansehnlich vom Schneematsch der letzten Tage. Allerdings befand sich diesmal eine Überraschung in dem Papierwust: Das Hamburger Abendblatt!? Da habe ich mir natürlich ein Exemplar gegriffen, und mich prompt über den mageren Umfang gewundert (12 Seiten). Nein, das konnte kein normales Abendblatt sein. Und tatsächlich macht ein kleiner Willkommenstext auf der Titelseite klar, dass dies eine kostenlose Ausgabe des Abendblattes sei. "Die Woche" kommt ab jetzt regelmäßig immer am Wochenende und ist offenbar als Anzeigenblatt konzipiert. Dafür sind die Anzeigen aber glücklicherweise recht sparsam dosiert, der textliche Inhalt überwiegt. Scheinbar enthalten die Ausgaben außerdem stadtteilbezogene Inhalte, was durchaus ein kurzweiliges Leseerlebnis beschert. Wenn das kostenlose Abendblatt nicht zu sehr mit Schweinebauch-Anzeigen vollgestopft wird, könnte es sich tatsächlich positiv von anderen Anzeigenblättern abheben. In der ersten Ausgabe lag auch nur eine Werbebeilage, und zwar von Aldi. Fazit: Das Abendblatt tut sich auf den ersten Blick keinen Gefallen, zusammen mit herkömmlichen Anzeigenblättern verteilt zu werden und in Pfützen vor Hauseingängen herumzuliegen. Allerdings ist die Zeitung gut gestaltet, und sowohl optisch als auch inhaltlich erinnert "Die Woche" an das große Abendblatt. Bleibt die Frage, ob das Projekt in dieser Form finanzierbar bleibt, weil wie gesagt recht wenige Anzeigen von Werbekunden geschaltet wurden (verglichen mit anderen Anzeigenblättern).
Veröffentlicht am: 2013-01-27 21:34:56